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Knockdown der Schule

Freitag 13.03.2020.
Per Mail werden wir als Eltern darüber informiert, dass aufgrund des SARS-COV19-Virus die Schulen ab Montag geschlossen bleiben. Wie lange? Keine Ahnung. Wie die Kids Unterricht machen? Keine Ahnung. Am Montag holen wir alle Unterrichtsmaterialien aus der Schule. Eine Mischung aus ausgelassener Ferienstimmung und banger Ungewissheit. Wir beschließen als Familie, die ersten Tage keinen Unterricht zu Hause zu machen, sondern uns erst einmal zu Sammeln. Erst einmal die Nachricht verdauen, die auch außerhalb der Schule unser ganzes Leben verändert. Wir sind als Eltern im Homeoffice, Familie und Freunde dürfen wir nicht mehr besuchen. Wir gehen raus. Spüren den herannahenden Frühling auf der Haut. Zuhause treffen wir notwendige Maßnahmen. Masken nähen, Desinfektionsmittel kaufen - und man soll es nicht glauben, ganz wichtig- Toilettenpapier. Hinzukommen Druckerpapier, Druckerpatronen und die ausrangierten Technikgeräte werden wieder an den Strom genommen. Unsere Schule ist schnell. Hastig haben die LehrerInnen einen Stundenplan erstellt für die kommenden Wochen. Unterrichtsmaterialien zusammengestellt. Und es soll sich zeigen, dass es klug von unserem Informatiklehrer war, schon vor einiger Zeit auf Office 365 umgestellt zu haben, und die Kinder damit auch jetzt von Zuhause aus mit der Schule digital verknüpft sind. Nun liegt es an uns. Also eigentlich ja nicht. Schließlich sind wir keine Pädagogen. Sondern Eltern. Das das öfters mal verwechselt wird, gerade von Eltern, davon zeugen meine jahrelangen Erfahrungen als Elternratsvorsitzende in der Grundschule unserer Kinder. Ich könnte darüber ein Buch schreiben. Titel: Eltern sind wirklich das Schlimmste.

schwarz-weiß Bild im Kinderzimmer. Jugendliche sitzt vor dem Schreibtisch. Darauf liegen Tablett, Handy und Unterrichtsmaterialien. Jugendliche schaut darauf, mit Bleistift im Mund.
Homeschooling in der Coronapandemie

Wir spielen Lehrer.

Jedenfalls sollen wir jetzt den Unterricht übernehmen. Zumindest darauf achten das der Computer läuft, die richtigen Arbeitsblätter ausgedruckt werden, und im Zweifel die Fragen der Kinder zu unlösbaren Aufgaben beantwortet werden. Ich schwöre, ich kann jetzt wieder Brüche addieren und multiplizieren und die Wurzel aus 32 berechnen. Konnt ich früher nicht. Anfangs ist der Anspruch noch ziemlich hoch. Also von uns Eltern. Wir wollen unsere Kinder so gut es geht unterstützen. Aus dem Schlafzimmer wird die Turnhalle, das Wohnzimmer das Klassenzimmer und die Küche ist der Speiseraum. Wir spielen Lehrer. Ich erinnere mich daran, dass ich das schon in unserer Kindheit gerne tat. Wahrscheinlich klassisches Lehrerkindgen. Minutiös habe ich schon damals Klassenbuch geführt, Noten vergeben an meine imaginären SchülerInnen und die Schrankwand Typ MDW80 mit Kreide vollgeschrieben (heutzutage würden hippe Möbeldesigner die Hände über den Kopf zusammenschlagen).

Aber es sind jetzt keine imaginären SchülerInnen. Sondern vor uns sitzen unsere Kinder. Und wir spielen auch keine Schule. Sondern das ist ihr Alltag. Nach dem ersten verzweifelten Wutausbruch meiner Tochter, hervorgerufen durch die Mathenachhilfe vom Papa (da kommen bei mir selbst traumatische Erinnerungen hoch), und einem Weinkrampf meinerseits nach 2 Wochen Unterricht beschließen wir, die Kinder machen zu lassen. Wenn sie es nicht schaffen, schaffen sie es nicht. Wir Eltern vernetzen uns und helfen uns gegenseitig. Jeder bietet zwischen Homeoffice und Haushalt Onlinesprechstunden über Teams an um in bestimmten Fächern die Kinder zu unterstützen. Das wird gut angenommen. Die Kinder machen uns in Sachen Technik etwas vor und wir lernen dabei. Auch die Rückmeldung der LehrerInnen ist positiv. Eine Welle des Verständnis überwältigt Eltern und LehrerInnen.

Textstelle aus Instagram Homeschooling Tagebuch: 14. Tag Schulschließung. Ich stelle nach zwei Wochen fest: wenn alle Stricke reißen werde ich Lehrerin. Nicht.
Auszug aus meinem Instagram Homeschooling Tagebuch

Denn es gibt zu Schulbeginn keine neuen Konzepte.

Es häufen sich die Schlagzeilen in den Nachrichten: Fenster zum Lüften an Schulen lassen sich nicht öffnen. Lernsoftware abgestürzt. Schutzmasken für LehrerInnen reichen nicht aus. Da sollten die Hausaufgaben der Kultusminister in den Ferien gemacht werden. Konzepte für eine #Bildungabersicher. Das neue Schuljahr beginnt und...

(hier könnte ihr Konzept für Schulen in der Pandemie stehen)

Während ich die Maßnahmen bislang mittrug, wird mir so langsam bewusst - je mehr gelbe Blätter von den Bäumen ihren Weg auf den kalten nassen Herbstboden antreten - dass Abwarten, Durchhalten und Ignorieren schlechte Begleiter in der Pandemie sind. Es wird immer deutlicher, dass der Krisenmodus des Kultusministerkonferenz nicht funktioniert. Denn es gibt zu Schulbeginn keine neuen Konzepte. Keine Lüftungsanlagen wurden flächendeckend verbaut. Keine Schutzmaßnahmen für LehrerInnen und SchülerInnen geschaffen. Und es kommt was kommen muss. Die Zahlen steigen. Im Oktober müssen in den ersten Bundesländern die Schulen und Kitas wieder schließen. Denn, viva la Förderalismus, jedes Bundesland entscheidet selbst über Schulschließungen. Trotz der bereits im Sommer ausgesprochenen Warnungen über die zweite Welle sitzen bis Mitte Dezember die Kinder mit offenen Fenstern, Winterjacken und Decken mehr oder weniger im Präsenzunterricht (weil wichtig).

Auf dem Asphalt steht ein Spruch mit weißer Schrift gesprüht: Digitalisierung. You now?
Lösungen für das Bildungssystem

Ich kann es nicht mehr hören.

Ich lese Schlagzeilen wie: Schulen sind keine Pandemietreiber. Kinder nicht infektiöser. Wir brauchen Präsenzunterricht.

Also ich bin ja keine Wissenschaftlerin. Ich bin keine Ärztin. Aaaaber.... Meine Kinder schleppen ganz verlässlich jeden Herbst und Winter allen möglichen, im wahrsten Sinne des Wortes, Rotz mit nach Hause. Wieso nicht auch Corona? Das Problem: es gibt zu den Aussagen der KultusministerInnen, die sich ja von ihren eigenen Wissenschaftlern beraten lassen, keine Studien. Weil, es wurde gar nicht flächendeckend in den Schulen in Deutschland getestet um diese Aussagen zu bestätigen. Und wenn es dazu Zahlen gibt, dann sind sie aus dem Frühjahr oder aus dem Sommer. Und trotzdem werden sie gebetsmühlenartig vorgetragen. In Talkshows. Bei Twitter. Ich kann es nicht mehr hören. Das neue Jahr hat begonnen, und statt es besser wird, tauchen Mutationen auf. Sind ja noch weit weg, kommt lasst uns die Schulen öffnen - so muss es doch in der Kultusministerkonferenz geklungen haben. Und dann haben sie am Glückrad gedreht und herausgekommen ist: komm wir öffnen für die Abschlussklassen und die Kitas in Notbetreuung. Weil ach ja, Präsenzunterricht wichtig ist. Und Kitas? Na wir müssen doch die Mütter entlasten, die schon in der Pflege verheizt werden. Ich frage mich von welchen WissenschaftlerInnen die Politiker beraten werden? Von den Streecks dieser Welt? Die das Ganze als eine Art Experiment in Echtzeit sehen? Die paar SchülerInnen und Kinder. Sind doch keine Pandemietreiber. Lasst uns einfach noch ein paar LehrerInnen und ErzieherInnen verheizen. Denn sie haben keine Lobby. Keine Zeit sich auf die Straße zu stellen und zu sagen: #vergesstunsnicht. ErzieherInnen und Lehrpersonal sind nachweislich 2020 die mit am häufigsten wegen Corona krankgeschriebene Berufsgruppe. Das bedeutet, Kinder verteilen das Virus hervorragend in den Klassenräumen und tragen es nach Hause in die Familien. Vermehrt stellen sich alte weiße Politiker als Sprachrohr vor die Eltern, und erzählen wie wichtig Präsenzunterricht ist, welche psychologischen Folgen der drölfzigste Lockdown für unsere Kinder hat. Und ganz bewusst werden dadurch die betroffenen Menschen gegeneinander ausgespielt. Auf Kosten der Familien, LehrerInnen und ErzieherInnen.

Scheiß Präsenzunterricht.

So langsam nimmt das hier sarkastische Züge an. Nicht gut. Aber der Wahnsinn nimmt ja auch gerade erst an Fahrt auf. Kann ich ja nix für. Denn die Mutationen sind nun auch Ende Januar in Deutschland angekommen. Und da jetzt wie versprochen öfter, oder nur einmal, in den Schulen getestet wird, werden Infektionen in Schulen massenhaft festgestellt. Nein. Doch. Oh. Wer hätte das gedacht? Na jeder normal denkende Mensch, der sich die Meinung von renommierten WissenschaftlerInnen und ExpertInnen anhört. KultusministerInnen gehören da anscheinend nicht dazu, denn diese zeigen sich überrascht. Und während das eine Bundesland schon von weiteren zeitnahen Schulöffnungen schwärmt, verschiebt das andere Bundesland kurzfristig die Schulöffnungen aufgrund von mutierten Coronaausbrüchen. Ja, ich schreibe das hier für die Nachwelt auf. Falls ich in 20 Jahren mal was zu Lachen brauch.

Unser großes Kind ist weiter in der Schule. Weil Vorabschlussklasse. Die Jüngere unterrichtet von Zuhause. Schlechter als noch im ersten Lockdown. Da die LehrerInnen sich verständlicherweise auf die Vor- und Abschlussklassen im Präsenzunterricht konzentrieren müssen bleibt weniger Zeit für den Distanzunterricht. Der Witz, die Große möchte nicht in den Präsenzunterricht. Sie fühlt sich nicht sicher und sie kam Zuhause auch gut zurecht. Die Jüngere möchte in die Schule. Ihr fällt das Lernen Zuhause schwerer. Möchte bei ihren Schulfreundinnen sein. Und so gibt es hier jeden Morgen nur eine Diskussion. Scheiß Präsenzunterricht.

Am Kirchturm einer Kirche hängt ein Transparent auf dem steht: BIldung braucht Zukunft.

Die Schule ist nicht ein Ort der Bildung, sondern eine Anstalt, die uns zu einem perfekten Teil der Leistungsgesellschaft machen soll.

Die Pandemie zeigt die Schwachstellen deutlich auf. Die Ungerechtigkeit und der Klassismus nehmen zu. Die Schule ist nicht ein Ort der Bildung, sondern eine Anstalt, die uns zu einem perfekten Teil der Leistungsgesellschaft machen soll. Das wurde mir schon in meiner Schulzeit bewusst. Schon vor Jahrzehnten - ich glaub ich werde alt - standen wir vor einem veralteten Schulsystem. Frühe Einteilung der Kinder in unterschiedliche Schulsysteme, große Klassen, kleine Klassenräume, zu wenig Personal, mangelnde Infrastruktur in den Schulen und ein aufgeblähter Verwaltungsapparat. Das es auch anders geht zeigen vor allem unsere nördlichen Nachbarländer, die schon seit Jahrzehnten in Studien zur Bildung ganz vorne mitmischen und auch in der Pandemie zu den Gewinnern in Sachen Bildungssystem gehören.

Bildung muss zur Chefsache gemacht werden.

Doch um diese Probleme zu ändern bedarf es einer größeren Gewichtung der Politik auf die Bildung. Bildung muss zur Chefsache gemacht werden. Es braucht eine Lobby für Familien und LehrerInnen. Sie müssen sich einbringen können und gehört werden. Ich habe das Gefühl dass es daran scheitert. Denn kurzfristig ist Bildung reine Investition. Langfristig ist sie Profit. Auf Langfristigkeit ist unsere Politik aber nicht ausgelegt. Sie reagiert nur. Wie auch in der Pandemie nur reagiert wird. Langfristige Strategien, die Familien, LehrerInnen und ErzieherInnen entlasten? Fehlanzeige. Nach der Pandemie muss aufgeräumt werden. Müssen die PolitikerInnen dieses Landes endlich Fehler zugestehen und dafür Sorgen, dass wir eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Schwachstellen in unserem Bildungssystem haben. Es ist aufgebaut auf den Grundlagen der Industrialisierung. Wir müssen uns davon lösen. Es bleibt zu hoffen. Und weiterhin ist es unsere Aufgabe als Eltern, auf diese Missstände aufmerksam zu machen.

Im Vordergrund sieht man die Hände zweier Kinder die versuchen die Hände genauso zusammenzufalten, wie sie es gerade im Fernsehen von Kanzlerin Merkel im Hindergrund sehen. Typische Merkelraute.
Bildung muss Chefsache werden

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